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Charrette zur Stadt mit neuer Energie in Gräfenhainichen

(2010) Gräfenhainichen in Sachsen-Anhalt

Themenbereich Energetische Sanierung
Format Charrette
Dauer Monat/e
Gruppengröße Keine Angaben

Identifizierung und Priorisierung von Handlungsmaßnahmen; Ausarbeitung eines Konzeptentwurfs zur Vorlage im Stadtrat

Charrette zur Stadt mit neuer Energie in Gräfenhainichen

Ina Richter*

Hintergrund

Die kleine Gemeinde Gräfenhainichen liegt in einer Region Sachsen-Anhalts, die durch die Schließung des Braunkohleabbaus von einem Strukturwandel erfasst wurde – Deindustrialisierung und Rückgang der Bevölkerungszahl sind hier nur zwei Entwicklungslinien, die die Stadtstruktur vor große Herausforderungen stellten. Um einen notwendigen Stadtumbau anzugehen und zu bewältigen, trat nach Beschluss von Bürgermeister und Stadtrat die Kommune 2002 beim Bundeswettbewerb „Stadtumbau Ost“ an und gewann den ersten Preis. Mit den hier zur Verfügung gestellten Mitteln wurde ein Planungs- und Beteiligungsprozess in Gang gesetzt, um mit den Bürgern, lokalen Experten und Unternehmen ein nachhaltiges Konzept für den Umbau der Stadt zu entwickeln.

Damit nahm ein Langzeitprozess seinen Auftakt, der bis heute andauert. Die Entwicklung und Fortschreibung des Stadtentwicklungskonzeptes (SEK) fand in zwei Phasen (eine bis 2005, eine weitere bis 2010) statt. Im Zentrum der weiteren Überarbeitungen im Jahr 2010 stand der Schwerpunkt energetische Sanierung. Das Energiethema brachten letztlich die Bürger wie auch Akteure aus dem Stadtrat ein. Hier lag durch die traditionelle Nähe zur Braunkohle in der Region umfassendes Expertenwissen zu Energiefragen vor. Die Aufnahme von Gräfenhainichen in das EXWOST-Bundesmodellprojekt „Energetische Stadterneuerung“ (des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung) stärkte diesen Fokus zusätzlich.

Für die Fortschreibung des SEK beauftragte die Stadt ein interdisziplinäres Team, das bereits die Forstschreibung des SEK 2005 vorbereitet und geleitet hat. Wie in der ersten Phase bis 2005 wurde wiederholt ein breites Beteiligungsverfahren mit Planern, Experten, Unternehmen, der Stadtverwaltung wie interessierten Bürgern initiiert.

Verfahren

Ein interdisziplinäres Team leitete den Beteiligungsprozess zwischen März und Dezember 2010. Ziel war es, das SEK so fortzuschreiben, dass der Stadtumbau unter energetischen Gesichtspunkten erfolgte; das umfasste einen Umbau der Energiewirtschaft sowie eine Veränderung und Aufwertung des bestehenden Baubestandes. Dabei ging es einerseits um die Prüfung und Änderung von Maßnahmen, die im SEK 2005 festgelegt waren, und die Identifizierung und Priorisierung weiterer Projektideen. Neben konkreten Maßnahmen sollten längerfristige Strategien für den Stadtumbau ausgearbeitet werden.

Das Planungsteam griff für das Beteiligungsverfahren auf die Charrette-Methode zurück. Am Prozess waren interessierte Bürger von Gräfenhainichen, die Stadtverwaltung und speziell der Bauausschuss, die Wohnungsgesellschaften wie Unternehmen und die von der Stadt gegründeten Wärme- und Energiegesellschaft und Planungsbüros beteiligt. Das Kernteam bestand vor allem aus Fachexperten und Interessengruppen. Deren Ansprache erfolgte über einen Ideenwettbewerb und das Schneeballprinzip. Noch bevor die erste Veranstaltung stattfand, wurden Gespräche mit zentralen Akteuren für den Stadtumbau geführt. Im Rahmen einer Stadtbegehung mit dem Bürgermeister, Verwaltungsmitarbeitern, Planern und interessierten Bürgern standen Probleme wie Potentiale der städtischen Infrastruktur vor Ort zur Diskussion.

Daran knüpften sich drei Charrettephasen an. Die erste Charrettephase war als Stadtforum organisiert. Bei der öffentlichen Veranstaltung standen Ziele und Schwerpunkte des Stadtumbaus im Mittelpunkt. Als erstes Ergebnis wurden Anregungen und Kritik von den Teilnehmern aufgenommen. Die zweite Charrettephase fand in Form von öffentlichen Beratungen zur Entwicklung von Projektideen und weiterführenden Diskussion im Bauausschuss des Stadtrates statt. Thema der Planungsberatung war einerseits die Analyse von Statistiken und Bilanzen wie beispielsweise zur Bevölkerungs- und Haushaltsentwicklung, zur Entwicklung von Abriss- und Leerstand. Andererseits wurden Kernthemen der Stadtentwicklung mit wichtigen Akteuren zum Stadtumbau wie auch Vertretern von Wohnungsunternehmen und der Energiewirtschaft erörtert. Auch interessierte Bürger konnten hier teilnehmen. Das Ergebnis dieser Phase war eine erste Liste von Ideen und konkreten Projektvorschlägen – insgesamt kamen um die 40 zusammen. Transparenz über Planungsstand und erste Zwischenergebnisse schaffte in dieser Phase eine Webseite für die Öffentlichkeit. Die dritte Charrettephase umfasste mehre Aktionstage im Rahmen einer Stadtumbauwoche. Ziel war die öffentliche Ausarbeitung des SEKs. Auch in dieser Phase waren Bürger zur Mitgestaltung angesprochen. Während der Stadtumbauwoche wurde zudem ein Infopunkt Energie und eine frei zugängliche Informationsstelle für die Öffentlichkeit eingeweiht.

Die letzte Phase des Beteiligungs- und Planungsprozesses galt der Entwurfsvorlage und Diskussion im Stadtrat. Ziel war es, weitere kritische Punkte aufzunehmen und auf dieser Basis eine finale Fassung zu erstellen.

Ergebnis

Ergebnis des Beteiligungsprozesses war der Entwurf des Stadtentwicklungskonzeptes „Energetische Stadterneuerung 2020+“, den der Stadtrat im Dezember 2010 erhielt und kurz darauf beschloss. Darin ist u.a. eine Prioritätenliste für Projekte, die kurz-, mittel- und langfristig umzusetzen sind, dargelegt.

Literaturhinweis

Unterlagen und Ergebnisberichte aus dem Prozess zum Stadtentwicklungskonzept sind online verfügbar unter: http://stadt-mit-neuer-energie.de (Zuletzt eingesehen am 28.07.2015).

Kegler, H.,ARGE Neue Energie 2009, „Energieorientiertes Stadterneuerungsprojekt – Stadtentwicklungsplan Gräfenhainichen“, in F. v. Borries und M. Böttger (Hg.), Updating Germany – 100 Projekte für eine bessere Zukunft (Architekturbiennale Venedig 2008)., Ostfildern, S. 121-123.

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